Ventas rumba
Vor dir liegt eine Kante aus Stein, die sich quer über die ganze Venta zieht: Die Ventas rumba ist mit 249 Metern der breiteste Wasserfall Europas, und wenn im Frühjahr das Hochwasser kommt, wächst sie auf 275 Meter. Hoch ist sie dagegen kaum, je nach Wasserstand zwischen 1,80 und 2,20 Metern. Genau dieser Gegensatz macht den Reiz: kein Donnern aus der Tiefe, sondern ein langes, weißes Band.
Achte auf die Linie der Kante. Der Fall besteht aus Dolomit aus dem Devon, unten weicher und brüchiger als oben. Die untere Schicht wäscht schneller aus, die obere hängt über und bricht irgendwann ab. So wandert der Wasserfall langsam flussaufwärts, und weil in der Mitte mehr Wasser drückt, weicht er dort schneller zurück als an den Rändern.
Die Stadt verdankt der Rumba ihre Existenz: Hier mussten die Schiffe auf der mittelalterlichen Venta-Route haltmachen, und so entstand Kuldīga. Mitte des 17. Jahrhunderts wollte Herzog Jakob Kettler von Kurland das Hindernis umgehen und ließ am rechten Ufer einen Kanal graben. Der Dolomit war zu hart, die Arbeit zu zäh, das Projekt wurde aufgegeben. Nur im Frühjahr läuft Hochwasser in den flachen Graben und macht daraus die Martinsinsel. Der Legende nach ließ der Herzog den Fall sogar sprengen: Die Steinblöcke verschoben nur die Kante, und die Druckwelle riss Mauern seines nahen Palastes. Danach gab er auf.
Auch das Russische Reich scheiterte hier. Im 19. Jahrhundert sollte ein Kanalnetz über Venta, Memel und Dnepr die Ostsee mit dem Schwarzen Meer verbinden, türkische Kriegsgefangene mussten graben. Wieder war der Fels zu hart, und die Venta erwies sich als zu schmal und zu flach für Schiffe.
Nimm dir hier gut zwanzig Minuten. Dann führen dich 860 Meter, rund 12 Minuten, in die Altstadt; unterwegs kommst du am Kuldīga District Museum und am Live Museum „The Story of Ancient Kuldīga“ vorbei.












